Wie aus dem Erdbeben in Haiti ein gefestigtes Kinderkrankenhaus und die LifeSavers entstanden.

Wie Haitis Erdbeben etwas Gutes entstehen ließ

Erdbeben Haiti: Wie aus einer Katastrophe etwas Gutes entstehen kann.

Dr. Jacqueline Gautier – die Leiterin unseres Kinderkrankenhauses St. Damien – erzählt von dem schrecklichen Moment vor 10 Jahren, als das Erdbeben Haiti erschütterte und wie St. Damien diese Tragödie in eine Chance verwandelte. 

Wie aus dem Erdbeben in Haiti ein gefestigtes Kinderkrankenhaus und die LifeSavers entstanden.

Dr. Jacqueline Gautier, Leiterin Kinderkrankenhaus St. Damien.

Die Menschen in Haiti werden sich an diesen Tag immer erinnern. Es war der 12. Januar 2010 um 16:53 Uhr. Innerhalb von nur 35 Sekunden brach alles zusammen – nicht nur Straßen, Gebäude, sondern auch Familien und Freunde. So viele Menschen starben.

Ich war gerade am Heimweg vom St. Damien Kinderkrankenhaus. Alles war wie immer. Ich parkte mein Auto und ging durch die Küchentür ins Haus. Ich rief noch kurz eine gute Freundin von mir an. Als ich auflegte, setzte die erste Welle des Erdbebens ein – extrem stark mit einem fürchterlichen Poltern, als würde ein Zug unter der Erde wie wild hin und her rasen.

“Tremblement de Terre” (dt. Erdbeben), riefen meine Tochter und ich. Ich hatte so Angst um sie. Wir eilten beide zum Tor, um das Haus zu verlassen, während es weiter wie wild bebte. Wir kamen an meinem Auto vorbei, das auf und ab hüpfte. Plötzlich hörte alles auf. Stille – unheimliche Stille! Da unser Haus stand, dachten wir, dass das Beben wohl doch nicht so stark war.

Ich stand eindeutig unter Schock – ich spürte erst jetzt, dass mein Fuß schmerzte. Ich hatte mir den Knöchel gebrochen, als ich mit meiner Tochter über den bebenden Boden raus aus dem Haus lief. Und dann hörten wir es: Schreie von Frauen, Männern und Kindern aus der Innenstadt von Port-au-Prince. Ich werde diese Schreie niemals vergessen

Von diesem Moment an herrschte das Chaos.

Das Ausmaß des Erdbebens in Haiti.

Mein Mann wurde vermisst. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass er einige Kilometer entfernt vom Epizentrum starb. Er war Ingenieur und arbeitete schon seit längerem an einem Renovierungsprojekt einer Schule. In dieser Schule starben an diesem Tag weitere 150 Menschen, die meisten von ihnen waren schutzbedürftige Kinder in ihren Klassenzimmern. Einfach schrecklich!

Ich ging durch die Straßen, überall waren tote Menschen. Ich hatte das Gefühl nach dem Ende der letzten Schlacht durch ein Kriegsgebiet zu gehen. Aus dieser Verzweiflung und Zerstörung entstand eine Solidarität zwischen uns Haitianerinnen und Haitianern, die uns seither auf besondere Weise verbindet. Wir trösteten uns. Wir beerdigten unsere Liebsten, unsere Freunde und Nachbarn schnell und ohne große Zeremonie. 

Tatsächlich erfuhren viele Menschen erst Monate später, dass jemand ihrer Bekannten während des Erdbebens verstorben war. Die Suche nach Überlebenden dauerte wochenlang. Haiti stand monatelang im Rampenlicht der Welt. Überall entstanden Zeltstädte. Nur zehn Monate später folgte die nächste Katastrophe: Die Cholera brach aus und raffte unzählige Menschen dahin. Der nächste Tiefschlag.

Unser Kinderkrankenhaus brach zusammen.

Links der Eingang zum NPH-Kinderkrankenhaus, das in sich zusammen brach. Rechts: Diesen Gedenkstein haben wir aufgestellt, um diesen Tag nie in Vergessenheit geraten zu lassen.

Unser ehemaliges Krankenhausgebäude in Petionville brach zusammen. Glücklicherweise waren wir vier Jahre davor an unseren neuen Standort in Tabarre umgezogen. Das neue Kinderkrankenhaus St. Damien überstand die Katastrophe einigermaßen gut. Ein paar Risse waren hier und da zu sehen, aber keine ernsthaften Schäden. Als ich das Krankenhaus zwei Tage nach dem Erdbeben betrat, hatte sich der Ort in ein Krankenhaus im Freien verwandelt.

Der ganze Innenhof war voll mit verletzten Kindern und ihren Eltern, die bei uns Hilfe suchten. Auch als routinierte Ärztin muss man sich an den Anblick von Kindern gewöhnen, denen Arme und/oder Beine fehlen. Das berührt ein Mutterherz schon sehr und lässt einen für einen kurzen Moment verzweifeln. Danach wischte ich diese Gedanken beiseite und fing an, dort zu helfen, wo ich gebraucht wurde.

NPH-Kinderkrankenhaus St. Damien nach dem Erdbeben.

Links der Innenhof des NPH-Kinderkrankenhauses St. Damien: Die Anzahl der hilfesuchenden Menschen war so groß, dass wir im Freien behandeln mussten. Rechts: Eindrücke der Verwüstung rund um das Kinderkrankenhaus.

Wie aus dieser Katastrophe etwas Großartiges entstand.

Kinderkrankenhaus St. Damien in Haiti - medizinische Versorgung für die Ärmsten der Armen

Für unser Kinderkrankenhaus St. Damien und die anderen Hilfsprogramme von NPH in Haiti bedeutete dieses Erdbeben eine enorme Aufgabe, aber auch neue Chancen: Mit neuen Partnern bauten wir ein Programm für Risikoschwangerschaften auf.

Später folgten eine Geburtenstation und eine Kinderkrebsstation, die einzige in Haiti. Wir bauten unser Mangelernährungs- und HIV-Programm aus. Wir blicken auf harte Jahre, aber auch auf große Erfolge zurück. Wir sind stolz jährlich so vielen Menschen zu helfen:

Die medizinische Versorgung ist in Haiti in einem katastrophalen Zustand. Babys und Kleinkinder sterben an leicht heilbaren Krankheiten, weil sie sich keine Behandlung leisten können. In unserem Krankenhaus St. Damien versorgen wir Kinder kostenlos.

Mehr über die LifeSavers in Haiti erfahren:

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