Weit weg und doch zu Hause

Nadine mit einer kleinen Patientin.
Nadine mit einer kleinen Patientin.

Um behinderten Kindern in Nicaragua zu helfen, leistet die Oberösterreicherin Nadine Gulyas bereits ihren dritten Auslandseinsatz für das Kinderhilfswerk NPH.
Zwei Jahre lang war die 25-jährige Physiotherapeutin Nadine Gulyas auf der Insel Ometepe in Nicaragua, um für das Kinderhilfswerk NPH (Nuestros Pequeños Hermanos = Unsere Kleinen Brüder und Schwestern) als Physiotherapeutin zu arbeiten. Nach einem kurzen Aufenthalt in ihrer Heimat zieht es sie nun wieder zurück nach Lateinamerika. Dort will sie ihre Arbeit im NPH-Projekt „Samaritano“, in dem behinderte Kinder und Jugendliche kostenlos behandelt werden, fortsetzen. Im Interview erzählt sie über ihre einzigartigen Erlebnisse.

Gerade erst in Österreich angekommen, zieht es dich wieder zurück nach Nicaragua – was hat dich dort so fasziniert?

Nadine: Da gibt es viele Gründe, aber zu sehen, dass meine Hilfe etwas bewirkt hat und die Kinder mich noch brauchen – das ist sicherlich eines meiner Hauptmotive. Aber ich habe auch so viel in Nicaragua für mich persönlich mitgenommen, vor allem, dass Geld allein nicht glücklich macht. Wir leben in Westeuropa in solch einem Überfluss und viele sind trotzdem unzufrieden. Dabei gibt es Menschen auf der Welt, kleine Kinder, die nicht einmal das Nötigste haben: Eine warme Mahlzeit oder ein Bett zum Schlafen.

Nun hast du bereits zwei Jahre für das Projekt Samaritano gearbeitet – wie sieht deine Arbeit konkret aus?

Nadine: Das Projekt haben drei österreichische Kolleginnen und ich initiiert, um behinderten Kindern auf der Insel Ometepe im Nicaraguasee Therapien zu ermöglichen. Wir hatten zum Beispiel einen Jungen in Behandlung, der nach einem Sturz querschnittgelähmt war. Bis er im Krankenhaus angekommen war, vergingen viele Stunden, in denen er höchstwahrscheinlich noch mehr Schäden erlitten hat. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, lag er den ganzen Tag nur da, ohne sich bewegen zu können. Vom Liegen bekam er offene Wunden und schwere Depressionen, denn keiner hat sich mit ihm beschäftigt, die Eltern arbeiteten den ganzen Tag am Feld. Mit Hilfe von „Samaritano“ kann er heute bereits selbstständig essen, einen Computer bedienen und hat wieder Freude am Leben.

Was hat sich in den zwei Jahren, in denen das Projekt besteht, verändert?

Nadine: Mittlerweile sind wir in einen Raum im Krankenhaus der Hafenstadt Moyogalpa gezogen, da das NPH-Kinderdorf im Dezember 2010 von der Insel Ometepe auf das Festland umgezogen ist. Wir haben nun bereits 21 Kinder, die regelmäßig Therapie erhalten. Neben der Behandlung der Kinder finden nun auch erwachsene Patienten sowie schwangere Frauen und Jugendliche Unterstützung im Projekt Samaritano.

Warum gerade schwangere Frauen?

Nadine: Gar nicht so selten sind die Mütter unserer Patienten selbst noch junge Mädchen. Schwangerschaftsvorbereitung oder eine spezielle Betreuung von werdenden Müttern gibt es in Nicaragua nicht. Ultraschalldiagnostik während der Schwangerschaft ist nur den reicheren Familien zugänglich. Die Geburten finden ausschließlich in horizontaler Lage auf dem Gynäkologiestuhl statt und der Geburtsverlauf wird häufig, auch ohne Komplikationen, forciert und manipuliert. Als Tipp bekommen die jungen Schwangeren, nicht zu schreien, sondern die Zähne zusammenzubeißen und ihre Familien nicht zu „blamieren“. Ein Vertrauensverhältnis zum Arzt gibt es kaum und es herrschen Angst und Unsicherheit im Gebärsaal.

Was sagt deine Familie dazu, dass du bald wieder für ein Jahr nach Nicaragua fliegst?

Nadine (lacht): Meine Mutter macht sich schon Sorgen, dass ich gar nicht mehr zurückkomme! Spaß beiseite – sie sind natürlich traurig, dass ich gehe, aber sie sind auch begeistert von dem was ich tue. Meine Eltern und ein paar Freunde haben mich bei meinen letzten Einsätzen sogar besucht, das war auch eine großartige Erfahrung für sie und ich hoffe, dass ich auch diesmal wieder Besuch aus Österreich bekomme. Auch in meiner Heimatgemeinde ist die Begeisterung groß. Am 24. März wird ein Benefiz-Fußballspiel zu Gunsten von „Samaritano“ veranstaltet. Dazu ist jeder herzlich eingeladen!

Danke für das Gespräch!

Näheres zum Projekt „Samaritano“:

Das Physiotherapie-Zentrum „Samaritano“ auf der Insel Ometepe im Nicaraguasee wurde im Jahr 2010 von österreichischen Freiwilligen (Physio- und Ergotherapeutinnen), die für NPH arbeiteten, ins Leben gerufen. Die Therapieräume befinden sich im Krankenhaus in der Hafenstadt Moyogalpa. Auf der Insel, auf der 41.000 Menschen leben, gab es zuvor nur einen einzigen Physiotherapeuten. Aufgrund der extremen Armut in Nicaragua, welches das zweitärmste Land Lateinamerikas ist, können sich nur wenige Eltern eine Therapie für ihr behindertes Kind leisten. Zudem empfinden es viele als Schande, ein behindertes Kind zu haben und verstecken es im Haus. Die Kinder haben dadurch keine Möglichkeit sich weiterzuentwickeln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen – was durch die richtige Förderung in vielen Fällen möglich wäre.

Die Leistungen von „Samaritano“ im Überblick:

  • Kostenlose physio- und ergotherapeutische Behandlung für Kinder und Jugendliche, sowie psychologische Betreuung
  • Aufgrund des großen Bedarfs seit 2011 auch einmal wöchentlich Therapien für Erwachsene und Schwangerschaftsvorbereitung
  • Finanzielle Unterstützung für Familien, um die notwendigen Medikamente kaufen zu können und die Transportkosten zum Therapiezentrum zu bezahlen
  • Spezielle nährstoffreiche Milch für unterernährte Kinder, denn oft sind körperliche und geistige Behinderungen auch eine Folge von Unterernährung bzw. wird die positive Weiterentwicklung aufgrund von Unterernährung verhindert
  • In besonders schwierigen Fällen besuchen die Samaritano-TherapeutInnen die Kinder auch zu Hause, um sie dort zu behandeln

Veranstaltungen zu Gunsten von Samaritano:

  • Benefizspiel Union VAZ Mayr Sipbachzell – SK Bad Wimsbach 1933
    Datum: 24. März 2012; 15:30 Uhr
    Ort: Sportplatz Union VAZ Mayr Sipbachzell
  • Theaterstück: „Keine Leiche ohne Lily“
    Datum: 25. März 2012; 18:00 Uhr
    Ort: Gasthaus Oberwirt, Sipbachzell 11