Eine letzte feste Umarmung und ein „Hasta luego!“.

Besuch bei meinem Patenkind Carlos

Bolivien, 5.–9.7. und 18.–22.8.2018

Als ich Carlos als Patenkind annehmen durfte, war er acht Jahre alt. Seit sechs Jahren schreiben wir also einander Briefe. Mein Wunsch, ihn in seinem NPH-Kinderdorf in Bolivien zu besuchen, wächst mehr und mehr und auch er schreibt mir, er hoffe, dass ich eines Tages bei seinem Geburtstag bei ihm sein könnte. Ja – es ist an der Zeit! Ich muss Carlos sehen!

Im Juli 2018 ist es endlich soweit – ich fliege für sieben Wochen nach Bolivien, ausgerüstet mit wenigen Spanischkenntnissen, von denen ich hoffe, dass sie zur Verständigung ausreichend sind. Auch habe ich für Carlos nach Absprache mit Carina, der Besucherkoordinatorin vor Ort, ein Geschenk dabei und außerdem Notenhefte, um mit ihm Klavier zu spielen. In meinen Träumen stelle ich mir schon unsere erste Begegnung vor und meine Spannung steigt, je mehr sich der Bus dem Kinderdorf nähert.

Es ist Abend, als wir im Kinderdorf ankommen. Nach einigen Formalitäten zeigt uns Carina unser Zimmer und begleitet mich und meine Freundin in den Comedor, den großen Speisesaal. Hier ist die Essensausgabe in vollem Gange. Zugegeben – damit hatte ich nicht gerechnet. Etwas irritiert beobachte ich das Treiben und halte Ausschau nach Carlos – wo ist er nur? Carina zeigt dann auf einen Buben hinter der langen Theke, der gerade dabei ist, Essen zu verteilen. Zwischendurch winkt er mir und ich schaue ihm einfach weiter zu. Als er fertig ist, kommt er zu mir, begrüßt mich, umarmt mich und drückt mich ganz fest. Da ist alle Spannung in mir zerflossen und ich bin überglücklich, Carlos endlich in meinen Armen zu halten. Ja – ich fühle mich glücklich, denn in all den Jahren habe ich Carlos in mein Herz geschlossen! Wir sind eingeladen, das Abendessen in „seinem Haus“ einzunehmen. Als alle Platz genommen haben, wird zuerst ein Tischgebet von einem der Buben gesprochen und dann das Essen in der Runde verteilt: ein süß-pikantes Brötchen und ein Becher süßer Saft. Nach einer kurzen, aber regen Plauderei mit Carlos und seinen Freunden begleitet er uns zum Besucherhaus – ohne zu Zögern schlingt er seinen Arm um mich und so schlendern wir Seite an Seite durch die Dunkelheit …

Am nächsten Morgen frühstücken wir im Besucherhaus und ich weiß gar nicht, wann und wo ich Carlos heute finden werde. Als wir uns auf den Weg zum Office machen und aus dem Haus kommen, „erschreckt“ uns Carlos mit seinen Freunden – sie haben bereits auf uns gewartet und wir machen gemeinsam eine Runde im Kinderdorf.

Patin Ingrid D. spaziert mit ihrem Patenkind Carlos und seinen Freunden durch das NPH-Kinderdorf

Patin Ingrid D. spaziert mit ihrem Patenkind Carlos und seinen Freunden durch das NPH-Kinderdorf

Carlos zeigt uns alles –  die Wohnhäuser der Buben und Mädchen, den Spielplatz, die Schule, das Gesundheitszentrum und die Tiere – Schweine, Kühe, Pferde. So streifen wir durchs Gelände – plaudern und lachen viel miteinander.

Zum Mittagessen gehen wir in den riesigen Comedor, wo schon alle Tische gedeckt sind. Die Buben und Mädchen stellen sich in Reih und Glied auf und als Ruhe eingekehrt ist, werden meine Freundin und ich offiziell begrüßt und vorgestellt. Nach dem gemeinsam gesprochenen Gebet dürfen wir am Tisch von Carlos Platz nehmen, während sich alle mit Tellern in den Händen zur Essensvergabe anstellen. Carlos bringt auch zwei vollbeladene Teller für uns und stellt uns zwei Becher mit süßem Saft dazu. Das Essen wird beendet, indem wir alle gemeinsam aufstehen und für ein kurzes Gebet innehalten.

Carlos hat gerade Ferien und so kann ich viel Zeit mit ihm verbringen. Zum Beispiel sitzen wir zwei, drei Stunden beim Klavier. Da kommen auch seine Freunde und einige der Mädchen hinzu und alle wollen mir etwas vorspielen oder etwas lernen.

Die beliebtesten Hits sind La pantera rosa und Für Elise, gefolgt von Titanic. Carlos will einen aktuellen Song lernen, den ich kurzerhand von Youtube abhöre – Tres notas. Dafür übt er wirklich mit Ausdauer und schafft es, mit beiden Händen zu spielen.
Die beliebtesten Hits sind La pantera rosa und Für Elise, gefolgt von Titanic. Carlos will einen aktuellen Song lernen, den ich kurzerhand von Youtube abhöre – Tres notas. Dafür übt er wirklich mit Ausdauer und schafft es, mit beiden Händen zu spielen.

Die beliebtesten Hits sind La pantera rosa und Für Elise, gefolgt von Titanic. Carlos will einen aktuellen Song lernen, den ich kurzerhand von Youtube abhöre – Tres notas. Dafür übt er wirklich mit Ausdauer und schafft es, mit beiden Händen zu spielen.

Am nächsten Tag darf ich beim Familienprojekt „Gemeinsames Kochen“ mitmachen. Dabei lerne ich zwei Schwestern von Carlos kennen. Carina fährt mit uns allen im Bus nach Portachuelo in den Mercado (dt. Supermarkt) einkaufen. Dabei hat jeder eine bestimmte Aufgabe – Carlos übernimmt das Bezahlen, um so den Umgang mit Geld zu lernen. Wieder im Kinderdorf angekommen, machen wir uns gleich an die Arbeit. Alle helfen mit. Nicht nur, dass es uns Spaß macht, miteinander zu kochen – unser Menü Kartoffelpüree mit frittierten Tomatenscheiben und Käse und Salat schmeckt auch ganz hervorragend. Anschließend spielen wir noch ein paar Runden UNO.

Zum Ausklang dieses Samstagabends wohne ich auch noch dem Rosario – dem Rosenkranzgebet – im dunklen, nur mit Kerzen beleuchteten Comedor bei. Für die Gestaltung ist eine Volontärin verantwortlich, die die Kinder aktiv miteinbezieht. Ein berührendes Erlebnis!

Am nächsten Tag zeigt mir Carlos mit Erlaubnis seines Tio sein Casa (dt. Haus) „Don Juan“. Zurzeit wohnen hier neun Burschen. Die Einrichtung ist einfach gehalten – nur Stockbetten und Standregale für Gewand und persönliche Sachen.

Am Abend dieses für mich letzten Tages darf ich wieder hier im Haus mit allen gemeinsam essen. Danach begleiten mich Carlos und seine Freunde in mein Casa und wir verabschieden uns.

Ich bin sehr froh, dass es diesmal nur ein Abschied für kurze Zeit ist – in sechs Wochen werde ich wiederkommen und das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude!

Casa „Don Juan“ im Kinderdorf in Bolivien

Casa „Don Juan“ im Kinderdorf in Bolivien

Ja – jetzt bin ich wieder da! Es ist ein bisschen wie ein „Heimkommen“ – natürlich, weil ich Carlos nochmal sehen kann, aber auch die vielen anderen Kinder und Jugendlichen. Es ist ein warmes, herzliches Gefühl für mich, in die strahlenden Gesichter zu schauen, den Kindern bei ihren Spielen zuzuschauen und etwas ganz Besonderes, wenn sie daherkommen, um mich zu umarmen oder einfach zu plaudern und zu scherzen.

Da in der Zwischenzeit die Schule wieder begonnen hat, lerne ich auch den ganz normalen Alltag hier kennen. Carlos sehe ich daher nicht so viel, weil er den Vormittag oder sogar den ganzen Tag in Portachuelo in der Schule verbringt oder am Nachmittag auch im Casa etwas arbeiten muss.

Doch am Sonntagvormittag habe ich Gelegenheit, mit Carlos und seinen Freunden eine Trommelrunde zu gestalten! Also werden die großen Trommeln entstaubt und mit allen anderen verfügbaren Instrumenten wie Bongos, Schellenreifen und Rasseln in einem Sesselkreis aufgestellt.

Wir beginnen mit einer Vorstellungsrunde und klopfen unsere Namen auf den Trommeln.

Es gibt ein Frage–Antwort–Rhythmusspiel, bei dem jeder mal solo spielt. Dann gehen wir über zu einem immer wiederkehrenden Grundrhythmus, den die Burschen von sich aus aufgreifen – jener von „We will rock you“ – dum dum tschak  dum dum tschak … unser Spielnimmt freien Lauf!

Trommelrunde mit Carlos und anderen Kindern im Kinderdorf.

Trommelrunde mit Carlos und anderen Kindern im Kinderdorf

Auf der Riesenpauke in der Mitte unseres Kreises wird ein Solo nach dem anderen geschlagen und die Dynamik steigert sich ins Unermessliche. Und lauter lachende Gesichter! Wir haben so viel Spaß miteinander und ich freue mich, dass die Burschen mit solcher Begeisterung und Spontanität mitmachen. Und als wir nach einer guten Stunde unser Spiel beenden, helfen alle zusammen, um die Instrumente wieder auf ihren Platz zu räumen und den Raum ordentlich zu hinterlassen.

Ich bin beeindruckt von dieser Hilfsbereitschaft und der selbstverständlichen Gruppenzusammengehörigkeit. Für mich zeigen sich die Jugendlichen in einem natürlichen, lustvollen Selbstausdruck und im Umgang untereinander liebevoll und respektvoll, geduldig und verständnisvoll.

Am nächsten Tag lädt uns eine Volontärin zu einer Aktivität in einem der Mädchenhäuser ein. Wir spielen mit den Kindern gemeinsam BINGO, ein Zahlenspiel, bei dem die Kinder die Zahlen auch auf Englisch lernen. Auch hier ist der Spaß am Spielen nicht zu übersehen – und die Kinder helfen uns bereitwillig. Dies scheint ihnen sogar wichtiger zu sein als selber zu gewinnen.

Am Tag darauf dürfen wir bei einer anderen Aktivität mit einigen Burschen mitmachen. Jeder sucht sich ein Blatt Papier mit einer vorgezeichneten Figur aus, die wir mit Buntstiften anmalen. Dann schneiden wir diese aus und kleben sie auf ein Blatt Buntpapier. Oben schreiben wir unseren Namen hin – natürlich jeder auf seine Art – und unter die Figur schreibt jeder zwei seiner Lieblingsaktivitäten, z.B. „A mi me gusta bailar“ (dt. ich tanze gerne). Dann fädeln wir unsere Zeichnungen an einer Schnur auf und hängen diese im Zimmer an der Wand auf. Super – es sieht richtig toll aus, bunt und sehr kreativ.

Patin Ingrid D. und Carlos genießen die gemeinsame Zeit.

Am letzten Abend speise ich wieder im Casa „Don Juan“ gemeinsam mit Carlos und seinen Freunden und ihrem gutmütigen Tia, mit dem die Burschen einen liebevollen, aber doch respektvollen Umgang pflegen. Es gibt frisch gemachte Empanadas mit Käse und süßem Kamillentee –köstlich! Bevor wir zu essen beginnen, hält ein Bub ein kurzes Tischgebet und ich bin berührt davon, dass ich als Madrina (dt. Patin) von Carlos in besonderer Weise einbezogen werde. Er dankt für meinen Besuch und bittet um eine gute Heimreise für mich. Ich bedanke mich bei dem Buben.

Nach dem Essen hole ich mein Tagebuch und bitte die Burschen, zu meiner Erinnerung ihre Namen hineinzuschreiben. Zu meiner Überraschung kommt es zu einer äußerst kreativen Gestaltung – der Tia selbst beginnt und die Burschen schreiben und malen nach Lust und Laune. Als Abschluss klebt einer von ihnen noch ein Herz dazu. Wir sitzen noch eine ganze Weile zusammen und plaudern – machen sogar Pläne für die Zukunft – ich verspreche ihnen, in fünf Jahren wiederzukommen! Und dann wird mein Spanisch viel besser sein (denn diesmal haben meine geringen Spanischkenntnisse wahrlich nur sehr begrenzt ausgereicht!).

Bei unserem abschließenden Fotoshooting haben wir Riesenspaß – und dann kommt der Abschied … Ich verabschiede mich von jedem einzeln und bedanke mich beim Tio. Dann begleitet mich Carlos mit einem Freund zum Besucherhaus – noch ein paar letzte Worte – Carlos schlingt wieder seinen Arm um mich und wir gehen Seite an Seite durch die Dunkelheit – noch eine letzte Umarmung!

„Nos vemos en 5 años – hasta luego!“ (dt. wir sehen uns in fünf Jahren – bis später) Carlos dreht sich um und geht dahin …

Eine letzte feste Umarmung und ein „Hasta luego!“.

Eine letzte feste Umarmung und ein „Hasta luego!“.

Auch ich gehe in mein Zimmer – ein bisschen wehmütig und traurig, aber dankbar für all diese wunderbaren Begegnungen und tief erfüllt von Liebe und Zuversicht …

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei allen bedanken, die mir diesen Aufenthalt im NPH Kinderdorf Bolivien ermöglicht haben – besonders bei Carina und bei allen Verantwortlichen im Kinderdorf. Und ganz besonderen Dank an mein Patenkind Carlos und alle anderen Kinder und Jugendlichen für die herzliche Aufnahme! Muchas gracias chicos! Os mantendré en mi corazón! (dt. ich werde euch in meinem Herzen behalten)

Ingrid Desbalmes, Klavierpädagogin und Kunsttherapeutin, Österreich, Madrina/Patin von Carlos am 26.8.2018 in Maria Raisenmarkt

Finden Sie unsere Arbeit gut und wichtig?

Dann freuen wir uns, wenn Sie unseren Newsletter Ihren Bekannten weiterempfehlen.

Folgen Sie uns: